Hämatokrit und Höhentraining: Steigt dein Hämatokrit wirklich?
Veröffentlicht 21. August 2012 · 6 Min. Lesezeit

Eine der häufigsten Fragen zum Höhentraining ist, ob dein Hämatokrit tatsächlich steigt. Das ist verständlich. Viele Sportler verbinden einen höheren Hämatokrit direkt mit besserer Leistung, mehr Sauerstofftransport und größerer Ausdauer.
Die Wirklichkeit ist allerdings etwas nuancierter. Ein Anstieg des Hämatokrits kann während des Höhentrainings auftreten, aber er ist nicht der wichtigste Parameter, auf den du schauen solltest. Außerdem bedeutet ein höherer Hämatokrit nicht automatisch, dass du mehr rote Blutkörperchen gebildet hast.
In diesem Artikel erfährst du, wann der Hämatokrit steigt, warum das passiert, welche Blutwerte aussagekräftiger sind und wie du objektiv beurteilen kannst, ob Höhentraining tatsächlich gewirkt hat.
Kurze Antwort:
- Ja, der Hämatokrit kann während des Höhentrainings steigen.
- Dieser Anstieg entsteht nicht immer durch zusätzliche rote Blutkörperchen.
- Ein Verlust an Plasmavolumen kann den Hämatokrit vorübergehend erhöhen.
- Hämoglobin, Retikulozyten und die gesamte Erythrozytenmasse sind oft aussagekräftiger.
- Für die sportliche Leistung zählt am Ende die Sauerstofftransportkapazität, nicht nur der Hämatokritwert in Prozent.
Fazit: Der Hämatokrit steigt während des Höhentrainings oft, erzählt aber nicht die ganze Geschichte.
Nuance: Ein höherer Wert kann sowohl durch Anpassung als auch durch Veränderungen im Flüssigkeitshaushalt entstehen.
Praktischer Anker: Schau immer auf mehrere Marker und Trends statt auf einen einzelnen Blutwert.
Was ist der Hämatokrit genau?
Der Hämatokrit gibt an, welcher Prozentsatz deines Blutes aus roten Blutkörperchen besteht. Wenn ein Labor zum Beispiel einen Hämatokrit von 45% meldet, bedeutet das, dass 45% des Blutvolumens aus roten Blutkörperchen bestehen und 55% aus Plasma und anderen Bestandteilen.
Weil rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport verantwortlich sind, wird der Hämatokrit oft als indirekter Indikator für die Sauerstofftransportkapazität des Körpers genutzt.
Das klingt einfach, aber dieser Wert hat eine wichtige Einschränkung. Der Hämatokrit ist ein Verhältnis. Deshalb kann der Wert steigen, ohne dass du tatsächlich mehr rote Blutkörperchen gebildet hast.
Studien zeigen, dass Veränderungen des Plasmavolumens manchmal schneller sichtbar werden als Veränderungen der Erythrozytenmasse. Dadurch kann der Hämatokrit vorübergehend steigen, ohne dass die Sauerstofftransportkapazität wirklich zugenommen hat.
Warum steigt der Hämatokrit während des Höhentrainings?
Wenn du dich in einer Umgebung mit weniger Sauerstoff aufhältst, reagiert der Körper fast sofort. Die Nieren produzieren mehr EPO, ein Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt.
Dieser Prozess wird ausführlich in unserem Artikel über den natürlichen Anstieg von EPO beim Höhentraining besprochen.
Mit der Zeit können dadurch zusätzliche rote Blutkörperchen gebildet werden. Weil rote Blutkörperchen Sauerstoff transportieren, kann das zu einer besseren aeroben Leistungsfähigkeit beitragen.
Gleichzeitig passiert oft noch etwas anderes. In den ersten Tagen in der Höhe nimmt das Plasmavolumen häufig ab. Dadurch wird das Blut relativ konzentrierter. Auch das sorgt für einen höheren Hämatokritwert.
Ein Anstieg des Hämatokrits kann also zwei Ursachen haben:
- mehr rote Blutkörperchen
- weniger Plasmavolumen
In der Praxis ist es meist eine Kombination aus beidem.
Hämatokrit versus Erythrozytenmasse
Viele Sportler schauen ausschließlich auf den Hämatokrit. Das ist verständlich, aber wissenschaftlich gesehen ist die gesamte Erythrozytenmasse ein viel stärkerer Indikator.
| Parameter | Was misst er? | Praktischer Wert |
|---|---|---|
| Hämatokrit | Anteil roter Blutkörperchen im Blut | Schnelle Orientierung, empfindlich für den Flüssigkeitshaushalt |
| Hämoglobin | Sauerstofftransportierendes Eiweiß | Wichtig für den Sauerstofftransport |
| Retikulozyten | Junge rote Blutkörperchen | Zeigt die aktuelle Neubildung |
| Erythrozytenmasse | Gesamtmenge roter Blutkörperchen | Bester Indikator für Anpassung |
Messung: Anteil roter Blutkörperchen
Wert: Empfindlich für den Flüssigkeitshaushalt
Messung: Sauerstofftransportierendes Eiweiß
Wert: Wichtig für den Sauerstofftransport
Messung: Junge rote Blutkörperchen
Wert: Zeigt die aktuelle Blutbildung
Messung: Gesamtmenge roter Blutkörperchen
Wert: Bestes Maß für Anpassung
Wann siehst du einen Anstieg des Hämatokrits?
Wie schnell sich der Hämatokrit verändert, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich.
Faktoren, die eine Rolle spielen, sind unter anderem:
- die Höhe, in der du dich aufhältst
- die Anzahl der Expositionsstunden pro Tag
- die Gesamtdauer des Programms
- Eisenstatus und Ferritinwerte
- die genetische Empfindlichkeit für Hypoxie
Bei einem klassischen Sleep high, train low Protokoll werden Effekte oft nach einigen Wochen sichtbar. Deshalb entscheiden sich viele Sportler für eine Exposition von mindestens drei bis vier Wochen.
In der Praxis sehen wir, dass Sportler oft zuerst Veränderungen bei Erholung, Ruhepuls und Trainingsgefühl bemerken, bevor deutliche Veränderungen der Blutwerte sichtbar werden.
Kann ein hoher Hämatokrit auch Nachteile haben?
Ja. Ein extrem hoher Hämatokrit ist nicht automatisch positiv.
Je dicker das Blut wird, desto mehr nimmt auch die Zähflüssigkeit zu. Dadurch muss das Herz härter arbeiten, um das Blut durch den Körper zu pumpen.
Bei normalen Höhentrainingsprogrammen ist das selten ein Problem. Trotzdem ist es einer der Gründe, warum professionelle Sportprogramme oft mehrere Blutwerte überwachen statt ausschließlich den Hämatokrit.
Das Ziel ist nicht, einen möglichst hohen Wert zu erreichen. Das Ziel ist, ein effizienteres Sauerstofftransportsystem zu entwickeln, ohne unnötige Belastung.
Welche Blutwerte sind für Sportler am interessantesten?
Wer sich ernsthaft mit Höhentraining beschäftigt, kann in Betracht ziehen, neben dem Hämatokrit auch andere Marker zu verfolgen.
- Hämoglobin
- Ferritin
- Retikulozyten
- Erythrozytenzahl
- Transferrinsättigung
Vor allem der Eisenstatus spielt eine wichtige Rolle. Ohne ausreichend Eisen bleibt die Bildung neuer roter Blutkörperchen begrenzt, selbst wenn der Körper zusätzliches EPO produziert.
Lies deshalb auch unseren Artikel über Eisen und Ernährung beim Höhentraining.
So überwachst du das objektiv
Ein erfolgreiches Höhentrainingsprogramm beurteilst du nicht anhand eines einzelnen Blutwerts.
| Faktor | Worauf achtest du? | Entscheidungsregel |
|---|---|---|
| SpO₂-Trend | Morgentrend über mehrere Tage | Trend wichtiger als Einzelmessung |
| Schlaf | Tiefe und Kontinuität | Anhaltende Störung = eventuell nachsteuern |
| Erholung | Müdigkeit und Trainingsgefühl | Negativer Trend verlangt eine Bewertung |
| Blutwerte | Hämoglobin, Ferritin, Hämatokrit | Immer im Zusammenhang interpretieren |
Fokus: Morgentrend
Entscheidungsregel: Schau auf mehrere Tage
Fokus: Schlafqualität
Entscheidungsregel: Bei anhaltender Störung bewerten
Fokus: Müdigkeit und Gefühl
Entscheidungsregel: Negativen Trend untersuchen
Fokus: Hämoglobin, Ferritin, Hämatokrit
Entscheidungsregel: Immer kombiniert beurteilen
Wann ist Höhentraining sinnvoll, wenn du deinen Hämatokrit erhöhen willst?
Höhentraining kann interessant sein, wenn:
- du Ausdauersportler bist
- du ein Höhentrainingslager vorbereitest
- du auf einen Marathon, einen Triathlon oder ein Radsportziel hinarbeitest
- du genügend Zeit für ein Programm über mehrere Wochen hast
Weniger sinnvoll, wenn:
- deine Ferritinwerte niedrig sind
- du nur wenige Tage zur Verfügung hast
- du dich ausschließlich auf einen einzelnen Blutwert konzentrierst
Häufige Missverständnisse über den Hämatokrit
Ein höherer Hämatokrit bedeutet immer bessere Leistung
Nein. Eine Leistungsverbesserung hängt von vielen Faktoren ab, darunter Training, Erholung, Ernährung und Sauerstofftransport.
Jeder reagiert gleich auf Höhentraining
Nein. Manche Sportler reagieren stark auf Hypoxie, während andere nur begrenzte Veränderungen zeigen.
Nur der Hämatokrit zählt
Nein. Hämoglobin, Ferritin und Erythrozytenmasse ergeben oft ein vollständigeres Bild.
FAQ
Wie stark steigt der Hämatokrit durch Höhentraining im Durchschnitt?
Das ist von Person zu Person verschieden. Kleine Anstiege sind üblich, aber die individuelle Reaktion variiert stark.
Ist eine Blutuntersuchung notwendig?
Nein, aber für Sportler, die objektiv messen wollen, kann sie wertvolle Informationen liefern.
Wie schnell steigt der Hämatokrit?
Oft werden Veränderungen nach einigen Wochen konsequenter Hypoxie-Exposition sichtbar.
Kann ein Höhenzelt den Hämatokrit erhöhen?
Das ist möglich. Vor allem dann, wenn ausreichend Expositionsstunden mit einem gut aufgebauten Protokoll kombiniert werden.
Neugierig, was Höhentraining für deine Leistung bedeuten kann?
Willst du gezielt an Sauerstofftransport, Ausdauer und einem optimalen Höhentrainingsprotokoll arbeiten? Sieh dir die Möglichkeiten für Sportler an oder lies Erfahrungen anderer Athleten.
Fazit
Die Frage, ob der Hämatokrit durch Höhentraining steigt, lässt sich kurz mit Ja beantworten. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte.
Ein höherer Hämatokritwert kann sowohl durch zusätzliche rote Blutkörperchen als auch durch Veränderungen des Plasmavolumens entstehen. Deshalb ist es sinnvoll, mehrere Blutwerte und Leistungsindikatoren zu kombinieren.
Für Sportler, die Höhentraining ernsthaft einsetzen, geht es am Ende nicht um eine einzelne Zahl auf einem Blutbefund. Es geht um ein besseres Sauerstofftransportsystem, eine verbesserte Erholung und eine höhere Leistungsfähigkeit in den Momenten, die wirklich zählen.
Lies unseren Haftungsausschluss zu Höhen- und Gesundheitsinformationen


